Petra Kühnast
Hi folks, ich bin jetzt (2009) 38 Jahre alt und von Beruf Physiotherapeutin.
16 Jahre lang habe ich in meinem und über meinen Fachbereich viel gelernt und als Therapeutin in verschiedenen Praxen gearbeitet. Doch ich wollte gerne selbst Ärztin werden, nicht mehr nur den Anweisungen der Ärzte folgen. Oft sind die Erfahrungen und Behandlungen der Physiotherapeuten näher am Menschen, als es Ärzte in ihrem Praxisstress schaffen können. Mit meinen Vorerfahrungen kann ich später eine Brücke bauen zwischen dem Fachwissen der Ärzte und den Behandlungs- und Untersuchungsmöglichkeiten der PTs.
Wie ich auf das Kolleg kam
Ich kannte das Kolleg von Volkshochschulkursen her. Einige der Kurse, die ich in den letzten Jahren an der VHS besuchte, fanden in den Räumen des Charlotte-Wolff-Kolleg, kurz CWK, statt. Eines Tages fand ich in der ersten Etage Informationsblätter über die Anmeldung zum Abitur am CWK. Zwei Tage später meldete ich mich im Sekretariat an und wurde trotz längst überzogener Anmeldefrist sofort aufgenommen.
Start im Vorkurs
Im Januar 2007 habe ich meinen Weg zum Abitur mit dem Vorkurs begonnen. 16 Jahre schulfreie Zeit lagen hinter mir. Ich durfte wieder Richtung Tafel schauen und zuhören. Das gemeinsame Lernen in einer Klasse auf einem Kolleg ist etwas ganz Besonderes. In einem Klassenraum zu sitzen und von vielen Menschen umgeben zu sein, die erst einmal kennengelernt oder lieber in Ruhe gelassen werden möchten, ist etwas anderes, als jeden Tag zum gleichen Arbeitsplatz zu rennen. Erst recht, wenn man ein Ziel hat. Und das habe ich, so wie viele meiner Mitschüler auch. Das motiviert, und das Lernen wird nochmal so spannend. Der eigentliche Unterricht in Deutsch, Mathematik und Spanisch fiel mir nicht schwer. Ich kam gut mit.
Mit Englisch hatte ich so meine Probleme, da ich in meiner Schulzeit nur Russisch und Französisch hatte. Ich belegte parallel zu den wenigen Stunden des Vorkurses noch ein paar Wochen einen Englischkurs an der VHS nebenan und wurde zunehmend sicherer.
Unterricht für Erwachsene
Der Unterricht wird durchaus interessant und anregend gestaltet. Dabei hat jeder Lehrer seine eigenen Strategien, den Stoff zu vermitteln. Inhaltlich muss der Stoff geschafft werden, der auch am Gymnasium für das Abitur Voraussetzung ist, aber die Lehrer arbeiten mit uns Erwachsenen natürlich ganz anders als mit Minderjährigen in der normalen Schule. Wir können eigene Ideen und Erfahrungen einbringen und auch mal widersprechen. Das wird sogar honoriert. Auch wenn wir manchmal ganz schön gestöhnt haben, hat uns doch unser Deutschlehrer, Herr Dorow, der auch der Kollegleiter ist, schon im Vorkurs gezeigt, wo es im Unterricht lang geht.
In der E-Phase
Die E-Phase (Einführungsphase) ist das (alte) 11. Schuljahr des Gymnasiums. Hier kommen einige Fächer zu den Fächern des Vorkurses hinzu, z.B. Musik oder Kunst, Politikwissenschaft oder Geschichte, Physik, Chemie und Biologie. Hier war schon Lernen mit Vollzeit angesagt, denn hier wurden die Grunglagen für die nächsten Semester gelegt.
Auch hier werdet ihr hin und wieder mal Hausaufgaben bekommen und auch selbst Dinge erarbeiten müssen. Das kommt euch in den darauf folgenden zwei Jahren zugute, denn gerade in der E-Phase habt ihr noch die Möglichkeit mit relativ wenig Stress zu lernen und die Schule, mit allem was dazugehört, in euren Tagesablauf zu integrieren.
Die Q-Phase
Der Begriff „Qualifikationsphase“ ist Bürokratendeutsch und meint einfach die 12. und 13. Klasse.
In der Q-Phase bin ich gerade. Hier wird das Niveau und damit die Belastung nochmal um einiges höher. Da ich Medizin studieren möchte, habe ich mich bei den Kurswahlen für alle naturwissenschaftlichen Fächer entschieden, denn man braucht für das Studium der Medizin zuerst Physik, Chemie, Mathematik und Biologie. Danach beginnt erst das eigentlich Medizinische.
Meine Erfahrungen mit den Naturwissenschaften aus meiner Schulzeit sind eher nicht so gut und deshalb hat mich doch sehr überrascht, dass sowohl Mathematik als auch Physik und Chemie richtig interessant sind und von den Lehrern kreativ gestaltet wurden.
Leistungskurse
Neben Biologie ist Physik einer meiner Leistungskurse. Anfangs habe ich mich mit dieser Entscheidung schwer getan, weil ich dachte, dass dieses „typische Männerfach“ Physik bestimmt viel zu schwer für mich wäre. Doch diese Vorstellung habe ich schnell abgelegt und mich einfach, so wie für jedes andere Fach auch, hingesetzt und gelernt. Und siehe da, ich komme gut mit, die Zensuren können sich sehen lassen und super spannend ist die Physik außerdem. Jetzt könnte ich euch sogar das Gravitationsgesetz erklären oder die relativistische Massenzunahme eines bewegten Körpers. Das hätte selbst ich vor 2 Jahren noch nicht gedacht.
Mathematik mit Computerunterstützung
| Für eine weitere Herausforderung habe ich mich schon in der E-Phase entschieden. Mit einem Computer-Algebra Programm im Mathematikunterricht zu arbeiten, habe ich mir früher nie vorstellen können. Nun ist es fast tägliche Realität. Ich lerne Mathematik, ich löse Aufgaben, ich zeichne Graphen und ich schreibe Lösungen, alles mit Hilfe des Computers. Wir benutzen das Programm MAPLE und die geduldige Vermittlung durch unseren Lehrer Dr. Frisch hat mir das früher wirre Zahlenspiel näher gebracht und vor allem verständlich gemacht. Ich sehe jetzt unmittelbar was meine Ansätze ergeben, kann neu rechnen, korrigieren und mir alles im Nu zeichnen lassen. | ![]() ![]() |
Schon in der E-Phase könnt ihr euch die ersten Graphen mit einem Computer-Algebra Programm anschauen. Standardfunktionen wie f (x) = x oder f(x) = x^2 werden dem einen oder anderen vielleicht noch bekannt sein. Die, die sich noch nie intensiv mit Mathe beschäftigt haben, werden durch die schnelle bildliche Darstellung der Graphen schnell Zugang zu den Funktionen finden, denn die Änderungen Werte vor den Variablen werden sofort im Koordinatensystem sichtbar.
Funktionsgraphen sind durch die Eingabe einfacher Befehle zu erzeugen. Hier im Bild findet ihr eine Sinusfunktion (rot) und die dazugehörige erste Ableitung als Cosinusfunktion (blau) dargestellt. Ich kann nur jedem dazu raten, das Angebot des CWK zu nutzen und sich mit zukunftsorientierten professionellen Methoden der Mathematik anzufreunden. Man versteht viel mehr, weil man das Ergebnis unmittelbar sieht.
Über die Lehrer am CWK
Jeder Lehrer hier an dieser Schule bemüht sich in seiner besonderen Weise um jeden Schüler und jede Schülerin. Ein Vorteil ist dabei sicher auch die eher geringe Schülerzahl. Die Klassen sind recht klein, so um die 20 Kollegiaten in Normalklassen. Da kommt jeder zum Zuge und kann gefördert aber auch gefordert werden.
Zusammenfassung
Das Abitur geschenkt bekommt ihr hier nicht. Ihr müsst wirklich lernen, aber alle Lehrer helfen allen Willigen. Wenn ihr euer Abitur machen wollt, dann seid ihr hier am CWK richtig. Ich fühle mich jedenfalls sehr gut aufgehoben und sehr gut unterstützt!



